Hartmut Frische, Fragen und Suchen

Nach Gott zu fragen, nach ihm zu suchen und sich nach ihm zu sehnen – das ist urmenschlich, natürlich auch unter Juden, Christen und Muslimen 

Es ist jedem Menschen freigestellt, nach seinem Glück, nach seinem Erfolg und nach seiner Popularität zu suchen, so wie er will und so wie es ihn treibt. Im Bereich der Wissenschaft oder im Sport, im Show-Geschäft oder in der Politik, beim künstlerischen Schaffen oder wo auch immer. Wer sich aber mit den  überschaubareren Dimensionen seines Lebens zufrieden gibt, der versucht, seine Familie zusammenzuhalten, sein privates Hobby auszuweiten, oder er versucht alles, um für sich seine Ruhe zu haben. Dazu gibt es heute deutlich erkennbar dieses immer aggressiver werdende Suchen danach, wie man den Glauben an Gott, der sich den Menschen zu erkennen gegeben hat, widerlegen oder lächerlich machen und verspotten kann.

Wo Christen in ganzer Offenheit Muslimen und Muslimas begegnen wollen und  bereit sind, sie als Mitmenschen anzunehmen, werden sie auf Menschen stoßen, die ein tief-ehrliches Suchen nach Gott in sich tragen. Auch im Islam wollen viele Gott oder Allah, wie sie ihn nennen, so erkennen, dass sie ihm völlig vertrauen und sich Menschen gegenüber liebevoll, gerecht und zuvorkommend verhalten können. Wir finden dieses aus dem Innersten kommende Suchen nach Gott unter Juden, Christen und Muslimen. Wir finden ernsthaft suchende Menschen in allen Religionen, Weltanschauungen, in allen Ländern und Bevölkerungsgruppen.  Ein solches Suchen will selbst dort geachtet sein, wo  Menschen ihr Leben lang nicht über das Suchen und Sich-Sehnen hinauskommen.

Es muss jedem Menschen in sein Innerstes hinein gelegt worden sein, sich ein gutes Leben hier auf der Erde zu wünschen und nach einem in der Welt Gottes verankerten Heil so lange zu fragen, bis er es gefunden hat. Wo ein Mensch so sucht und nach dem Sinn seines Lebens fragt, da ist er ganz tief beteiligt, da regt sich etwas in seinem Person-Kern und da lüftet sich, was in ihm verborgen oder gar verschüttet ist.

Gott suchen im Juden- und Christentum

Wie Menschen Gott suchen, darum weiß das Judentum. Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber hat gesammelt, was man zu seiner Zeit von den Chassidim, von den frommen Juden im Russland des 18. Jahrhunderts, noch wusste, und aufgeschrieben. In einer seiner kleinen Geschichten erzählt er: „Der Maggid von Mesritsch sprach zu dem Schriftvers 5.Mose 4,29: ‚Da du von dort den Herrn deinen Gott suchen wirst, wirst du ihn finden‘: ‚Der Mensch muss zu Gott schreien und ihn Vater nennen, bis er sein Vater wird.‘“[1] Man muss sich auf die Suche machen; man muss sich einsetzen; man muss es mit allen Fasern seines Wesens wollen; man darf nicht locker lassen. In dem Buch des Propheten Amos finden wir den lapidaren Satz: „Denn so spricht der Herr zum Hause Israel: Suchet mich, so werdet ihr leben.“ (Am 5,4) Der Prophet fordert dazu auf, nach dem Wort Gottes zu fragen, das durch den Propheten verkündigt wird.

Auch für das Christentum ist das Suchen wesentlich. Fast ganz am Anfang des Neuen Testamentes wird von den „Weisen aus dem Morgenland“ erzählt. Sie kommen von dort her, wo für das Volk Israel die Sonne aufgeht, aus Babylonien oder Persien, oder aus der arabischen Wüste. Sie haben einen weiten Weg hinter sich und fragen in Jerusalem: „Wo ist der König der Juden, der kürzlich geboren wurde?“ Sie lassen nicht locker, bis sie ihn in Bethlehem gefunden haben, ihre Geschenke, Gold Weihrauch und Myrrhe, niederlegen und dann in dem Kind in der Krippe den König der Juden anbeten (Mt 2,1-12).

In der Bergpredigt gebietet Jesus seinen Jüngern, zu denen er spricht, und dem Volk, das ihm zuhört: „Bittet, und es wird euch gegeben; sucht, und ihr werdet  finden; klopft an, und es wird euch geöffnet.“ (Mt 7,7) Angeredet sind hier die Jünger gemeinsam. So, als sei es wichtig, sich beim Bitten und Suchen zu vernetzen und miteinander zu erwarten, dass man erhört wird, dass sich der Weg in die Zukunft neu eröffnet und dass sich die Tür öffnet, die verschlossen zu sein scheint.

In seiner Rede auf dem Areopag in Athen verkündigt Paulus Gott und sagt: „Er hat gewollt, dass die Menschen ihn suchen, damit sie ihn vielleicht ertasten und finden könnten. Denn er ist ja jedem von uns ganz nahe.“ (Apg 17,27) Wolfgang Schrage schreibt zu dem Satz: „Und seid jederzeit bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der euch auffordert, Auskunft über die Hoffnung zu geben, die euch erfüllt!“ (1. Petr 3,15): „Die Welt ist in und trotz aller Feindschaft doch als eine fragende zu verstehen, wobei nicht gesagt wird, ob diese Fragen aus ernsthaftem Suchen, oberflächlicher Neugier oder ablehnendem Hochmut kommt, ob es privat oder öffentlich geschieht.“[2]

Der Reformator D. Martin Luther ist zunächst ein inständig suchender Mensch gewesen. Als Mönch strengt er sich ernsthaft an, die Regeln seines Klosters in Wittenberg zu erfüllen. Als gehorsames Glied seiner katholischen Kirche bemüht er sich, so wie es für ihn als Professor in Wittenberg seine Aufgabe ist, der Lehre seiner Kirche gemäß die Heilige Schrift auszulegen. Aber ihm macht der Begriff der Gerechtigkeit Gottes je länger, je mehr Angst. Er fürchtet Christus, den Weltenrichter, der in seiner Gerechtigkeit jeden Menschen richtet, über die Maßen. Wie soll er sich vor ihm einst verantworten? Bis ihm anhand des Römerbriefes die Augen aufgehen. Er erkennt, dass er diesem Christus seine Schuld abgeben kann und er dann mit der Gerechtigkeit Christi beschenkt wird. Jetzt schon während seines Lebens in dieser Welt! Kurz vor seinem Sterben bekennt er: „Da hatte ich das Empfinden, ich sei geradezu von neuem geboren und durch geöffnete Tore in das Paradies eingetreten.“[3] Das mühevolle mit großer innerer Unruhe vollzogene Suchen ist im Leben des jungen Luther nötig. Und dieses Suchen trifft auf Gott, der sich gerade diesen Mann ausgesucht hat. Hinter dem Suchen eines Menschen nach Gott steht in verborgener Weise Gott selbst, der aus seinem Innersten heraus Menschen sucht. Er hat den Menschen die Sehnsucht nach Heil und Wohl ins Herz gelegt.

Gott suchen im Islam

Schließlich: Auch der Islam weiß um Menschen, die nach Gott suchen. Christine Schirrmacher stellt heraus: „Gleichzeitig berichtet der Koran, dass Abraham ‚weder Jude noch Christ‘ (Sure 3,67) war, sondern ein ‚Gottsucher‘ (arabisch hanif) (Sure 6,79; 16,120). Dieser Begriff wurde in Arabien auch schon vor der Zeit Muhammads für einen ‚Frommen‘ gebraucht. Man könnte darunter eine Vorstufe des muslimischen Glaubens verstehen.“[4] Und dann schildert Christine Schirrmacher, wie Abraham so geführt wird, dass er nicht mehr an die Sterne glaubt und das Geschick von Menschen auf der Erde in der Sonne, dem Mond und den Sternen vorgezeichnet sieht (Sure 6,76-79). Nach dem Koran beginnt Abraham den in der Sicht von Mohammed wahren Gott anzubeten.

Der Historiker Gustav Edmund von Grunebaum weist in seiner Darstellung der Entstehungsgeschichte des Islam auf den „ersten arabischen Philosophen“ hin, auf Ja’qub al-Kindi im 9. Jahrhundert. Dieser Mann versuchte, sich als Muslim mit der griechischen Gedankenwelt zu beschäftigen. Von Grunebaum bezeichnet ihn als einen großen Wahrheitssucher und zitiert von ihm: „Die Wahrheit setzt niemand herab, der sie sucht, sondern adelt einen jeglichen … Man muss sie nehmen, wo immer sie zu finden ist, sei es in der Vergangenheit oder bei fremden Völkern. Mir scheint es richtig, zuerst vollständig aufzuführen, was die Alten über einen Gegenstand gesagt haben, und sodann, was sie zu sagen unterlassen haben, entsprechend (unserem) Sprachgebrauch und den Gepflogenheiten unserer Zeit zu vervollständigen.“[5] Nach der Wahrheit zu suchen, hat im Islam eine lange Geschichte.

Es lohnt sich, zu fragen, was das Kreuz und der Halbmond, ein Kirchturm und ein Minarett, das Glockenläuten und der Ruf des Muezzin vom Minarett, was die Passionszeit und das Fasten an Ramadan bedeuten. Symbole und Feste der Religionen sind nicht folkloristische Accessoires bestimmter Länder oder Regionen, wie der Schottenrock im Norden Groß-Britanniens, das Dirndl in Österreich und der Sombrero in Mexiko, mit denen jeder es so halten kann, wie er will. Symbole und Feste sind Zeichen tief verwurzelter Glaubensüberzeugungen, die den Menschen Orientierung geben im Leben und im Sterben.

Wie in festgefügte Gedankengänge Bewegung kommt

Besonders eindrücklich ist das Suchen eines Menschen in dem Artikel beschrieben: „Warum hast du uns verlassen? Guido Renis ‚Kreuzigung‘“. Navid Kermani, Muslim aus einer persischen Familie, in Deutschland geboren, Islamwissenschaftler und renommierter Schriftsteller, hat ihn veröffentlicht. Er erzählt: „Aus Versehen stieg ich genau vor der Kirche San Lorenzo in Lucina aus dem Bus, der mir zum ersten Mal in Rom nicht vor der Nase abgefahren war, so glücklich hatte der Tag bereits begonnen. Wie ich mich auf der Karte orientierte, empfahl mir der Kunstreiseführer einen Blick auf die ‚Kreuzigung von Guido Reni, die eines seiner Meisterwerke sei. …Der Koran sagt, dass ein anderer gekreuzigt worden sein. Jesus sei entkommen. Für mich formuliere ich die Ablehnung der Kreuzestheologie drastischer: Gotteslästerung und Idolatrie. … Kreuzen gegenüber bin ich prinzipiell negativ eingestellt. Nicht, dass ich die Menschen, die zum Kreuz beten, weniger respektiere als andere betende Menschen. Es ist kein Vorwurf. Es ist eine Absage. …Und nun saß ich vor dem Altarbild Guido Renis in der Kirche San Lorenzo in Lucina und fand den Anblick so berückend, so voller Segen, dass ich am liebsten nicht mehr aufgestanden wäre. Erstmals dachte ich: Ich – nicht: man -, ich könnte an ein Kreuz glauben. Reni verklärt nicht den Schmerz, den er nicht zeigt. Ihm gelingt, was andere Jesusdarstellungen behaupten: Er führt das Leiden aus dem Körperlichen ins Metaphysische über. Sein Jesus hat keine Wunden, keine Abzeichen der Striemen und Hiebe, ist schlank, aber nicht abgemagert. Selbst wo seine Hände und Füße ans Kreuz genagelt sind, fließt kein Blut. Wären die Nägel nicht, es sähe aus, als breite er die Hände zum Gebet aus.“[6]

Ein hochgebildeter Muslim beschreibt, wie er in der Nähe Roms eine Kirche betritt, sich vor dem Bild von der Kreuzigung Jesu niedersetzt und nachdenkt. Er ist geprägt von der rundherum abwertenden islamischen Sicht der Art und Weise, wie Jesus nach der Überzeugung der Christen gestorben ist. Kermani betont: Das ist „Gotteslästerung und Idolatrie.“ Aber das Bild des italienischen Künstlers mit der Darstellung des Leidens und Sterbens Jesu am Kreuz rührt ihn an. In seinen festgefügten Gedanken bewegt sich etwas. Er gerät ins Staunen. Er ist offen für das, was sich jetzt in ihm an Erkenntnissen bildet. Er gesteht sich den Satz ein: Ich könnte an ein Kreuz glauben. Und mag nicht auch von Navid Kermani gelten, was der Nazarener von einem jüdischen Schriftgelehrten gesagt hat: „Du bist nicht weit vom Reich Gottes entfernt.“ (Mark 12,34)? Gott hat allen Menschen die Sehnsucht nach seinem Heil, das Verlangen nach dem, was in Ewigkeit gültig ist, ins Herz gegeben.

Michael Herbst, Theologieprofessor in Greifswald, schreibt zu diesem Artikel: „Wie weit …wagt sich hier ein Moslem an das Geheimnis des Kreuzestodes Jesu heran, wie nahe kommt er durch den Blick auf den Gekreuzigten, der ihm vor Augen gemalt wird, dem Geheimnis Gottes! Da tut sich bei aller Unterschiedenheit religiöser Überzeugungen plötzlich ein Stück gemeinsamer Boden auf.“ Wie eröffnend wäre es, hätte sich ein Christ „staunend daneben gesetzt und dankbar diese Bewegung auf den Gekreuzigten zu begrüßt. Wie fruchtbar könnte dann das Gespräch sein, ausgehend von diesem Zueinander weiter zu deuten, zu bezeugen und zu erklären, was für uns der Gekreuzigte bedeutet“[7]

„Wir sind Bettler, das ist wahr“

Wir Menschen bleiben Fragende, Suchende und Bittende, unser Leben lang. Am 16. Februar 1546, zwei Tage vor seinem Tode, hat Martin Luther auf einen Zettel geschrieben: „Den Vergil kann niemand verstehen in seinen Bucolicis (= Hirtengedichte), er sei denn fünf Jahre Hirt gewesen. Den Vergil kann niemand verstehen in seinen Georgicis (= Gedichte vom Landbau), er sei denn fünf Jahre Ackermann gewesen. Den Cicero in seinen Episteln niemand ganz verstehen kann, er habe denn fünfundzwanzig Jahre in einem großen Gemeinwesen sich bewegt. Die Heilige Schrift meine niemand genugsam verschmeckt zu haben, er habe denn hundert Jahre lang mit Propheten und Aposteln die Gemeinde regiert. Wir sind Bettler, das ist wahr.“[8]

Wer eines Tages entdecken will, was es für ihn bedeutet, ein vertrauensvolles Verhältnis zu Gott zu haben, darf nicht darauf setzen, dass ihm der Glaube wie eine gebratene Taube in den Mund fliegt. Angesichts der Fülle dessen, was in der Heiligen Schrift verborgen ist, tun wir gut daran, solange unser Herz auf dieser Erde schlägt, bei den Propheten und Aposteln in die Schule zu gehen. Wir haben auf den unerschöpflichen Reichtum göttlicher Offenbarung zu achten, die niederzuschreiben ihnen geboten wurde. So bleiben wir fragende und forschende, suchende und bittende Menschen. Und so empfangen wir staunend, womit Gott uns immer wieder neu beschenkt. –

Ich hatte das Manuskript zu diesem Buch fast abgeschlossen, da erschien das Buch von Navid Kermani „Gläubiges Staunen. Über das Christentum“[9]. Mir war sofort klar: Ich kann dieses Manuskript nicht meinem Verleger übergeben, ohne dieses Buch gelesen und ohne hier einige Sätze darüber geschrieben zu haben. So erwarb ich es mir, nahm und las es.

 

Ein Muslim vertieft sich in christliche Kunst

Es ist ein schönes Buch, in einem Hardcover-Einband heraus gebracht und mit einem Schutzumschlag versehen. Navid Kermani hat es erlebt, wie sich ihm christliche Kunstwerke in europäischen Ländern erschlossen haben. Mit einem besonderen Gespür, lässt er Bilder von vierzig Meisterwerken europäischer Kunst mit christlichen Motiven zu sich sprechen, unter ihnen acht Gemälde des italienischen Künstlers Caravaggio (1573–1610). Er beschreibt mit einer beneidenswerten Sprachbegabung, was er sieht. Jede Betrachtung ist wie eine Miniatur.

Wie immer, wenn ich ein Buch lese, nehme ich meinen Bleistift zur Hand und streiche an. Aber hier bin ich besonders vorsichtig, wenn ich ein Wort oder einen Satz unterstreiche oder ein Ausrufezeichen setze. Kunstvoll aufgebaute Sätze und überraschende Worte regen an, genau zu lesen und zu überlegen, was geschieht, wenn Navid Kermani so hingebungsvoll christliche Kunstwerke betrachtet und beschreibt? Muss ich möglicherweise alles, was ich bisher in meinem Manuskript geschrieben habe, neu ausrichten?

An einer Stelle berühren sich die Lebensgeschichte von Kermani und meine eigene Geschichte. Er wurde 1967 in Siegen geboren und ist dort aufgewachsen. Als ich 1984 Pfarrer der Evangelisch-Reformierten Nikolaikirchengemeinde Siegen wurde und meine Gemeinde sich in dem Gemeindehaus an der Gustav-von-Mevissenstraße traf, lebte er als 17-Jähriger mit seiner Familie zwei Straßen darunter in der Steinstraße. Ohne uns damals begegnet zu sein, lebten wir einige Jahre nebeneinander auf dem Giersberg.

In seinem Buch schreibt Kermani über die reformierten Christen im Siegerland, unter denen ich neun Jahre lang Pastor war: „Was ich am wenigsten mit dem Christentum verband, mit dem ich aufgewachsen bin, war die Lust. Ich hatte gute Menschen vor Augen, wenn ich mir Christen vorstellte, aber nicht schöne; vernünftige Predigten, aber sterbenslangweilige; Nächstenliebe, aber nicht Sex. Schließlich bin ich im protestantischen Siegen geboren und nicht im katholischen Rom.“ Und dann weiter: „Die Trinität leuchtete mir nur einfach nicht ein; aber das Unsinnliche, das ich dem Christentum zuschrieb, stieß mich regelrecht ab.“[10] Bischof a. D. Wolfgang Huber schreibt dazu trocken: „Kermanis kindliche Sozialisation im pietistischen Siegerland hat offenbar Blockaden hinterlassen.“[11]

Wie gesagt: Wir sind uns damals nicht begegnet. Ob er jemals irgendwo eine Predigt von mir gehört hat, weiß ich nicht. Ich hatte mich auf die Pfarrstelle in Siegen beworben. Über meinen Vorgänger sagte man: „Er kämpft mit einem biblischen Text wie Jakob mit dem Engel!“ (1. Mose 32,23-33) Und dann predigte er – und war mit allen seinen Sinnen beteiligt. Dabei achtete er besonders darauf, dass zwischen rechter und falscher Lehre unterschieden wird. Als ich meinen ersten Gottesdienst in dem Gemeindebezirk auf dem Giersberg hielt, habe ich sofort gespürt: Die Menschen hier erwarten von ihrem Pastor gediegene Auslegungen biblischer Texte. Es ist etwas dran, wenn Kermani schreibt: „Siegen war in den Achtzigern noch eine sehr bibelfeste Stadt.“[12]

Nach dem Lesen der Sätze Kermanis über die Christen im Siegerland fragte ich mich: Kann man von diesen Menschen sagen: Sie sind unsinnlich!? Sind etwa die acht Bilder von Peter Paul Rubens im Oberen Schloss auf dem Siegberg in diesem Landstrich ein Fremdkörper? Lockte nicht die Eisdiele der Jungschar und das Kuchen-Büfett der Frauenhilfe beim Sommerfest der Kirchengemeinde Jung und Alt, zuzugreifen und es sich schmecken zu lassen? War es nicht ein besonderer Höhepunkt, als sich die Kirchenmusikdirektorin in einem Gottesdienst von der Nikolaikirchengemeinde verabschiedete und dabei ihre Kantorei ein Stück mit sage und schreibe 40 unterschiedlichen Stimmen singen ließ? Habe ich nicht besonders gern für mich auf den Höhen des Siegerlandes Wanderungen in Gottes schöner Natur gemacht? Auch Christen dort im südlichsten Zipfel Westfalens würden dem Satz Kermanis zustimmen: „Wir brauchen Augen, Ohren, Mund und Nase, wir fühlen mit dem Herzen, wenn wir uns als religiöse Menschen verhalten – im Gottesdienst, im Gebet.“[13] Erst 27 Jahre später haben Dr. Navid Kermani und ich uns einmal in Minden begrüßt.

Das alles bringt mich dazu, sein Buch „Ungläubiges Staunen“ achtsam und lernbereit zu lesen. Sicher, da sind Formulierungen, bei denen ich zusammenzucke. Warum muss man „Jesus als ein widerwärtiges kleines Ungeheuer, das die Erwachsenen schikaniert“[14] bezeichnen? Oder „als verzogenen Lausbub“[15]?

Einige wenige Bilder kenne ich, natürlich „Die Muttergottes in der Rosenlaube“ von Stefan Lochner im Kölner Dom und das Mosaik „Der gute Hirte“ in Ravenna. Alle übrigen Bilder sind mir neu. Jedes Mal neu lohnt es sich, sich von Kermani an die Hand nehmen zu lassen und mit ihm, eins dieser Kunstwerke vor Augen, auf Entdeckungsreise zu gehen und in die Dramatik einer Komposition einzutauchen. Wo es z. B. um Hieronymus geht, kann ich nach dem Buch eines meiner theologischen Lehrer greifen und nachlesen[16], was man zum Verständnis des Bildes von Leonardo da Vinci wissen muss. Aber mit der römisch-katholischen Literatur über Heilige der Kirche, bin ich nicht sonderlich vertraut. 

Ein Sucher nach Gott mit Geist, Leib und Seele

Es ist erstaunlich, wie Kermani die Bibel aufschlägt[17] und wie aufmerksam er sich in exegetische und theologische Fragestellungen christlicher Ausleger einarbeitet. „Er betrachtet das Christentum keineswegs nur von außen, sondern sucht es von innen zu verstehen“, schreibt Wolfgang Huber[18]. Oft werden bei Kermanis Betrachtungen biblischer Geschichten die Ereignisse von damals ganz neu lebendig. Kann man sich eigentlich gründlich mit dem Christentum und mit dem Islam beschäftigen, ohne dass man sich ausgiebig Zeit für die Bibel und den Koran nimmt?

Kermanis familiäre Beziehungen werden angerührt, die zu seinem Großvater, zu seiner Mutter und zu seinem Vater, dann zu seiner Frau und zu seinen Töchtern. Bei seiner Entdeckungsreise in den Bereich christlicher Kunstgeschichte stehen ihm viele Freunde zur Seite.

Scheinbar mühelos, mit seinem eigenen religiösen Gespür und mit seiner intellektuellen Kraft schwenkt er immer wieder von der Betrachtung der Gemälde hin zu biblischen Themen und zu Aussagen des Korans, zumeist so, wie er im Sufismus ausgelegt wird. Hier hat die Liebe eine bedeutende Stellung[19]. Nur der eine Satz sei hier zitiert: „Die Liebe, die ich bei vielen Christen und am häufigsten bei jenen wahrnehme, die ihr Leben Jesus verschrieben haben, den Mönchen und Nonnen, geht über das Maß hinaus, auf das ein Mensch auch ohne Gott kommen könnte: Ihre Liebe macht keine Unterschiede.“[20] Kermani bleibt Muslim, er wehrt es ab, Christ zu sein[21], aber er hat sich mit so vielem aus der Bibel und aus der Geschichte der Kirche vertraut gemacht, dass er von seinem „eigenen Christentum“ spricht[22].

Navid Kermani erzählt auch hier, wie er zum ersten Mal das Bild  „Kreuzigung“ von Guido Reni (1575-1642) in der Kirche San Lorenzo in Lucina bei Rom betrachtete. Er erzählt noch einmal, wie er in diese Kirche hinein spazierte, „ohne mir etwas dabei zu denken“[23]. Sein Inneres wurde damals beim Besuch dieser Kirche durch das Betrachten dieses Altarbildes verwandelt.

Dann geht er hinüber zu der anderen Kirche „Santissima Trinita die Monti“, nimmt an einer Abendmesse teil und bekennt dann: „Den Geist, den man dem frühen Christentum als einer Bewegung egalitärer, gottesfürchtiger Randsiedler zuschreibt, einer verachteten Minderheit, habe ich nirgends in Rom, nein, in keinem Gottesdienst, den ich je besuchte, stärker gespürt, real gespürt als eine Luft, die sich auf mich, auf alle acht Menschen legte, die hinter den Brüdern und Schwestern versammelt waren.“[24] Es klingt wie sein eigenes Bekenntnis, wenn Kermani den Propheten Muhammad zitiert, der „sagt, die Wege zu Gott seien so zahlreich wie die Atemzüge eines Menschen“[25].

Wird es zu einer Harmonie zwischen Christentum und Islam kommen?

Als Höhepunkt dieses Buches habe ich das Erzählen von Pater Paolo Dall l’Oglio empfunden. Er stammte aus Rom. In einem Gebet wurde ihm die Aufgabe geoffenbart, sich dem Islam zuzuwenden. Er trat in den Jesuitenorden ein, teilte sich dem General des Ordens mit, wurde von dem nach Beirut geschickt und schrieb eine Dissertation über die Hoffnung im Islam. Er fand Gleichgesinnte und gründete mit ihnen in der syrischen Wüste das Kloster Mar Musa. Nun lebte er mitten in dem Land, das von Krieg und Bürgerkrieg, Unterdrückung und Überfällen, Folter und Massaker zerrissen wird. „Der Islam bietet gegenwärtig ein … verheerendes und fürchterliches Bild“, gesteht  Kermani in einem Interview anlässlich des Erscheinens seines Buches ein[26]. Aber: „Es ist die Liebe zum Islam, die das Kloster kennzeichnet“, schreibt Kermani, der selbst das Kloster Mar Musa mehrmals besucht hat, 2012 – 2013 – 2014 – 2015.

Pater Paolo hatte sich sehr bald zu den friedlichen Demonstranten in Syrien bekannt und dazu aufgerufen, sie gegen die Truppen des syrischen Diktators Bashar al-Assad in Schutz zu nehmen. Im Juli 2013 wurde er von den Dschihadisten der „IS“ entführt. Keiner weiß, ob er noch lebt oder nicht. Pater Paolo hat einmal geschrieben: „Es geht um nichts weniger als die radikale Eingemeindung des christlichen Glaubens in ein muslimisches Umfeld“, so zitiert Navid Kermani Pater Paolo[27].

Man wird dieses Kapitel über Paolo Dall’Oglio selbst lesen müssen, um sich ein eigenes Urteil bilden zu können. So bewegend beschreibt Navid Kermani seine Besuche in dem syrischen Kloster, in dem Christen mit Hingabe für Muslime da sind. Am Ende dieses Kapitels steht das Wort von der „endgültigen Harmonie in Gott“[28]. Navid Kermani hat mehrfach diese Christen in Syrien und die Muslime, für die sie da sind, erlebt. Es wird in unserem Land manch einen geben, für den er zum Kronzeugen dafür wird, dass ein friedliches miteinander- und füreinander Dasein zwischen Christen und Muslimen hier bei uns möglich wird. Andere werden ernsthaft fragen: Wird das Miteinander in Zukunft tatsächlich so harmonisch sein, wie Kermani es beschreibt und von Gott erbittet? Viele werden darüber hinaus zu der Überzeugung kommen, dass das Suchen und Fragen nach Gott bei diesem Schriftsteller sehr eindrücklich ist.

[1] M. Buber, Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 1949, S. 200,

[2] W. Schrage, Der erste Petrusbrief, in. H. Balz u. W. Schrage, Die „Katholischen“ Briefe, Das Neue Testament Deutsch, 10. Teilband, Göttingen 1973, S. 100

[3] M. Luther, Vorrede zum ersten Band der Wittenberger Ausgabe der lateinischen Schriften Luthers, 1545, hg. v. G. Ebeling, in: M.L., Ausgewählte Schriften, hg. v. K. Bornkamm u. G. Ebeling, Band 1: Aufbruch zur Reformation, Frankfurt 1983, 2. Auflage, S. 12-25, S. 23

[4] C. Schirrmacher, Der Islam, Geschichte – Lehre, Unterschiede zum Christentum, Band 2, Holzgerlingen 2003,  S.163

[5] G. E. v. Grunebaum, Der Islam, in: Weltgeschichte, eine Universalgeschichte, hg. v. Golo Mann u. August Nitschke, Frankfurt 1963, 5. Band, Islam, die Entstehung Europas, S. 21-179, S.95

[6] „Ich könnte an ein Kreuz glauben“, Auszüge aus Navid Kermanis umstrittenem Artikel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. Mai 2009, S. 33

[7] M. Herbst, Über den Schrecken des Kreuzes – Verlegenheiten, Verschiebungen und Rechtfertigungsversuche, in: H.P. Hempelmann, M. Herbst, Vom gekreuzigten Gott, wie wir Passion, Sühne und Opfer heute verständlich  machen können, Gießen 2011, S. 15-45, S. 23; zuerst veröffentlicht als „Passionierte Predigt. Den Gekreuzigten vor Augen malen. Systematische und praktische Überlegungen zu einem umstrittenen Thema“, in: theologische beiträge 41. Jg, (2010), S. 314-330

[8] R. Stupperich, Geschichte der Reformation, München 1967, S. 199; verkürzt in: H. Schilling, Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs. Eine Biographie, München 213, S. 588

[9] N. Kermani, Ungläubiges Staunen. Über das Christentum, München 2015, 2. Auflage

[10] A.a.O., S. 258

[11] W. Huber. Vom heiligen Rom ins heilige Köln und zurück, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.08.2015, S. 10

[12] N. Kermani, Ungläubiges Staunen, S. 258

[13] Die Tradition, die unterdrückt wird, kehrt als Zombie zurück. Navid Kermani, Friedenspreisträger 2015, im Gespräch über westöstliche Entwicklungen, Andachten im Radio und christliche Kunst. Frankfurter Rundschau vom 22./23.08.2015, S. 32-43

[14] A.a.O, S.38

[15] A.a.O., S. 117

[16] Hans von Campenhausen, Lateinische Kirchenväter, Stuttgart 1965, 2. Auflage, S. 109-150

[17] Übrigens die Übersetzung von Martin Luther in der Ausgabe von 1912, s. A.a.O., S. 300

[18] W. Huber, Vom heiligen Rom ins heilige Köln und wieder zurück, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.08.2015, S. 10.

[19] Vgl. Annemarie Schimmel, Sufismus. Eine Einführung in die islamische Mystik, C. H. Beck. Wissen. München 2003, 2. Auflage, S. 27. 28. 33. 54

[20] N. Kermani, Ungläubiges Staunen, S. 169

[21] So bekennt er bei seinen Überlegungen über die katholische Messe: „Ich glaube nun einmal nicht an so etwas.“ A.a.O., S. 211

[22] N. Kermani, Ungläubiges Staunen, S. 138. 154. 203. 222. 292

[23] Die Tradition, die unterdrückt wird, kehrt als Zombie zurück. S. 32-34

[24] N. Kermani, Ungläubiges Staunen, S. 74

[25] A.a.O., S. 208

[26] Die Tradition, die unterdrückt wird, kehrt als Zombie wieder. S. 32-34

[27] N. Kermani, Ungläubiges Staunen, S. 184f

[28] A.a.O., S. 186